Interview mit ‚Zarte Parasiten‘ Regisseure Schwabe & Becker

‚Zarte Parasiten‘ ist nach ‚Egoshooter‘ aus dem Jahr 2005 nun der zweite Kinofilm von den beiden Regisseuren Christian Becker und Oliver Schwabe. Der Film erzählt die Liebesgeschichte von Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne), die bewusst anders leben und lieben als andere Menschen. Vorübergehend leben sie im Wald und dienen anderen, gegen Bezahlung, als Pflegerin oder Ersatzsohn. Sie geben anderen das, wonach sie selber suchen: Familie, Nähe und Geborgenheit und verdienen sich damit ihr Geld zu überleben.

filmtogo hatte die Möglichkeit sich mit den beiden Regisseuren des Filmes über die Arbeit mit den Darstellern, aber auch miteinander, zu unterhalten. Untenstehend findet ihr nun das Interview mit Oliver Schwabe und Christian Becker.

filmtogo: Stellt euch doch einfach einmal kurz vor.

Schwabe: Mein Name ist Oliver Schwabe, Regisseur und seit 15 Jahren arbeite ich zusammen mit Christian Becker. Das ist unser zweiter gemeinsamer Kinospielfilm. ‘Egoshooter’ von 2005 war der Erste und ‘Zarte Parasiten’ ist jetzt unser zweiter gemeinsamer Film.

Becker: Mein Name ist Christian Becker, Regisseur und Drehbuchautor. Ich arbeite auch seit 15 Jahren mit Oliver Schwabe zusammen. Wir haben an der Kunsthochschule für Medien studiert und uns im Grunde über Musik kennengelernt und dann das filmen angefangen.

filmtogo: Woher kam die Idee zu ‘Zarte Parasiten’?

Schwabe: Grundsätzlich sind wir immer an Geschichten interessiert, die sich mit Leuten auseinandersetzen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Bei ‘Zarte Parasiten’ stammt die konkrete Idee aus einer Zeitungsnotiz, die wir entdeckt haben, Sie hieß: „ein aus dem System gefallenes Pärchen“. Und darum haben wir dann begonnen die Geschichte von ‚ Zarte Parasiten‘ zu spinnen. Später sind andere Dinge hinzu gekommen. Christian ist auf einen Bericht von einem Pärchen gestoßen, das tatsächlich im Wald gewohnt hat, aber nicht weil es Naturfreaks waren, sondern weil sie einfach sehen wollten wie es ist im Wald zu wohnen. Sie sind aber auch zur Uni gegangen, haben im Schwimmbad geduscht, es ging ihnen nur um diesen Moment im Wald zu wohnen.

filmtogo: Nun ist der Titel des Filmes auch ein wenig widersprüchlich – Zart und Parasit. Parasiten eher als Schmarotzer auch zu bezeichnen und Zart ist dann ja eher positiv behaftet. Wie kommt es da zu diesem Zusammenspiel des Titels?

Becker: Für uns war es wichtig – da ‚Parasiten‘ erst einmal negativ besetzt ist, ein Attribut wie ‚Zart‘ hinzu zu fügen, da unsere Parasiten im eigentlichen Sinne nichts negatives machen. Sie nehmen den Leuten nichts weg. Sie werden nur dafür bezahlt was sie ihnen geben: Emotionalität, Wärme, Leute in Einsamkeit geben sie Zweisamkeit. Und dementsprechend sind sie nicht nur parasitär, sie nehmen nicht nur, sondern geben genauso viel. Sie bringen niemanden um, sie stehlen nichts. Das ist ihr Arbeitsethos. Von diesem Weg weichen sie auch nicht ab.

filmtogo: Wie war für den Film jetzt die Zusammenarbeit mit Robert Stadlober, der ja schon ein paar Filme gemacht hat und Maja Schöne, die als Newcomerin gilt. Haben die beiden gut zusammen funktioniert, gab es da Probleme, Stress?

Schwabe: Mit Robert haben wir bereits seit Jahren Kontakt. Er sollte eigentlich in unserem ersten Spielfilm die Hauptrolle spielen, was damals dann aus verschiedenen Gründen nicht zu Stande kam. An ihn haben wir bei der Entwicklung der Geschichte zu ‚Zarte Parasiten‘ immer gedacht. Für uns ist es wichtig eine konkrete Person vor Augen zu haben wenn wir schreiben. Und dann haben wir Manu, seine Freundin, gesucht. Wir haben mehrere Castings gemacht. Als dann Maja Schöne durch die Tür kam, war uns sofort klar, dass sie die Richtige ist. Die Chemie stimmte, es fühlte sich gut an die beiden zusammen spielen zu sehen.

Becker: Wir wollte nie eine Adoleszenten Coming-Of-Age-Geschichte erzählten, von einem Paar, das ein bisschen Rock ‘n’ Roll-mäßig im Wald lebt, das mal ausprobiert und dann wieder was anderes macht. Wir wollten von einem Paar erzählen, dass eine gewisse Ernsthaftigkeit in sich trägt, welche sich auf die Konsequenz der Geschichte auswirkt. Da Maja Schöne einen Tacken älter ist als Robert, entstand diese Ernsthaftigkeit auf einmal von alleine. Und das war sehr schön zu sehen, weil es sich beim Casting einfach ergab.

filmtogo: Wie sieht das auf der anderen Seite der Kamera bei euch mit der Zusammenarbeit aus? Euer zweiter Langfilm. Viele Köche verderben den Brei. Vielleicht auch bei der Regie? Ist das immer harmonisch oder gibt es auch Streitigkeiten, wo jeder mal seinen Kopf durchsetzen möchte?

Schwabe: Es ist sicherlich, sagen wir mal, eine seltene Zusammenführung. Oft arbeiten nur Paare oder Geschwister so. Bei uns beiden ist das nicht der Fall. Aber wir ergänzen uns sehr gut. Das Schreiben ist zu Zweit ist zum Beispiel sehr schön. Normalerweise ist das ein sehr einsames Geschäft und es ist gut, dass man direkt jemanden hat, der sofort Bescheid sagt, wenn man sich in eine falsche Richtung bewegt. Der Arbeitsprozess an sich läuft abwechselnd, einer hört zu, der andere formuliert und schreibt und umgekehrt. Am Set ist eigentlich nur wichtig, dass beide die gleiche Vision haben, dass beide den gleichen Film machen wollen. Ich mache auch noch die Kamera, so haben wir zwei unterschiedliche Perspektiven auf das Geschehen. Und das tut der Sache zum Beispiel auch gut. Wir haben ein relativ offenes System. Robert sagt, dass es für ihn spannend war, weil wir auch diskutieren. Wir wissen natürlich, wo wir hin wollen, aber es ist ein schönes Arbeiten, weil am Set noch viele Ideen entstehen können.

Becker: Ich glaube, es ist sogar noch ein viel engeres Arbeiten, als wenn man jetzt der alleinige Regisseur wäre und mit einem Kameramann, der nicht Regie führt, arbeiten würde. Das wir das Schreiben, Kamera- und Regie führen in zwei Personen vereinen stärkt uns. Und es ist über die Jahre hinweg eigentlich immer produktiver geworden.

filmtogo: Hat sich von eurem ersten Film ‘Egoshooter’ jetzt zu ‘Zarte Parasiten’ irgendwas für euch verändert? Habt ihr beim ersten Langfilm Erfahrungen gemacht, die ihr jetzt mit einfließen lassen konntet?

Schwabe: ‘Egoshooter’ war natürlich ein total anderes Konzept. Ich mache Videotagebücher für den NDR in Hamburg. Daraus ist die Grundidee entstanden ein fiktionales Videotagebuch zu erzählen. Ein Videotagebuch ist von Grund auf in der Geschichtsführung, in der Dramaturgie, fragmentarisch angelegt. Das war uns von Anfang an klar, das war eher ein Filmexperiment. Jetzt bei ‘Zarte Parasiten’ ist das anderes. Wir mögen immer noch Geschichten, die mit Auslassungen arbeiten, die nicht alles erzählen, nicht alles erklären, die eher Fragen aufwerfen als Antworten geben. Aber ich denke schon, dass wir im Gegensatz zu ‚Egoshooter‘ hier mehr eine Spielfilmdramaturgie bedienen.

Becker: Bei ‘Egoshooter’ haben wir wirklich anders gearbeitet. Es gab nur ein Treatment, auf dessen Basis wir gedreht haben. Das war, glaube ich, eines der ersten Projekte, das bei der Filmstiftung NRW auf Treatmentbasis Produktionsförderung erhalten hat. Viel ist beim Dreh entstanden, viele Ideen hinzugekommen, besonders von Tom Schilling, der oft am Set geschlafen hat und dann Morgens zum Beispiel direkt seine eigenen Träume in die Kamera erzählt hat. Wir hatten bei ‚Egoshooter‘ zu Drehbeginn nur das Gerüst und der Rest, den haben wir erarbeiten. ‚Egoshooter‘ ist auch ein Film, der sehr im Schnitt entstanden ist.

filmtogo: Ihr wart vor dem Einstieg in die Filmwelt beide als Fotografen tätig. Inwiefern fließt da die Berufserfahrung mit in das Filmemachen ein?

Becker: Es stimmt, wir kommen beide vom Bild. Und wenn wir über Filmideen reden, reden wir auch schnell über Bilder, oder haben Bilder im Kopf, die am Anfang einer Geschichte stehen, die uns den ganzen Schreibprozess auch nicht mehr los lassen.

Schwabe: Ich glaube, es ist auch wichtig zu sagen, dass Filme nicht nur erzählen, sondern Filme auch zeigen. Und man hat die Möglichkeit mit Bildern zu zeigen. Dadurch kann man teilweise auch Dialoge einsparen, weil man das im Bild versteht und wir versuchen dann auch wirklich mit Bildern zu arbeiten, die dann halt das transportieren, was wir gerne erzählen möchten.

filmtogo: Und euer nächstes gemeinsames Projekt ist dann ‘Das Floss’. Worum wird es da gehen?

Becker: Wir arbeiten an einer Trilogie, also ‘Egoshooter’, ‘Zarte Parasiten’, der dritte Film ist ‘Das Floss’. Dort heißt der Held auch wieder Jakob, ist aber mittlerweile um die Fünfzig. Er macht sich auf den Weg zu Fuß, klingt sich aus seinem alten Leben aus, ist auf der Straße unterwegs, ernährt sich von dem was ihm die Straße bietet und trifft auf dem Weg auf Gleichgesinnte. Er trifft auf Sven, den ein Autounfall aus der Bahn wirft und auf Britta, die schon länger auf Reisen ist. Sie verbindet der unbedingte Wille dem IST-Zustand ihres Lebens etwas entgegen zu setzen. In aller Konsequenz.

filmtogo: Also auch euer dritter Film, ihr macht ihn wieder zusammen. Gibt es irgendwie mal, von einem von euch, auch mal geheime Planungen auch mal was alleine zu machen oder bleibt das erst mal so bestehen?

Schwabe: Never change a winning Team. Es macht halt Spaß und warum sollte man etwas, dass sich bewährt hat, ändern? Also es ist so, dass ich vielleicht noch im Dokumentarfilm einiges mache, besonders für den NDR. Da habe ich viele Sachen realisieren können und realisiere noch viele. Aber was die Spielfilmarbeit betrifft, arbeiten wir weiterhin zusammen.

Becker: Genau. Wir schließen jetzt erst mal die Trilogie ab und dann gucken wir einfach mal, was dann kommt, das hängt ja auch von den Themen ab. Aber wir können uns sehr gut vorstellen so weiter zu machen.

Das Interview führte Denis Sasse

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