Der letzte Exorzismus

Prediger Cotton Marcus hat seine Schäfchen fest im Griff: Bei seinen Gottesdiensten ist die Kirche voll, mit seinen schwungvollen Predigten reißt er die ganze Gemeinde mit. Doch den engagierten Gottesmann plagt ein Geheimnis: Er hat seinen Glauben verloren. Für ihn sind weder Gott noch Teufel existent. Seit Jahren verdient er seinen Lebensunterhalt mit geschummelten Exorzismen, bei denen vielmehr künstlicher Nebel und Elektrik zum Einsatz kommen als aufrichtige Frömmigkeit. Dieses falsche Spiel soll nun jedoch ein Ende haben: Cotton beauftragt ein Filmteam, eine Dokumentation über ihn zu drehen und die falschen Methoden des Exorzisten aufzudecken. Als Fallbeispiel soll ihm hierfür eine Farmersfamilie dienen, die sich hilfesuchend an ihn gewandt hat: Die 16-jährige Nell soll vom Teufel besessen sein. Anfangs noch davon überzeugt, dass weltliche Gründe die Ursache für Nells seltsames Verhalten sind, kommen dem Prediger jedoch bald Zweifel und er muss erkennen, dass er die Lage gefährlich unterschätzt hat.

Produzent Eli Roth (Hostel, Cabin Fever) ist eigentlich bekannt dafür, dass in seinen Filmen mit dem Kunstblut nicht gespart wird. Da würde man denken, dass ein Regisseur, der einen von Roths Horrorfilmen nicht gewohnt gemetzelt, sondern eher als „Lars von Trier-Film“ inszenieren will, hochkant aus dessen Büro fliegen müsste. Falsch gedacht. Der gebürtige Hamburger Daniel Stamm überzeugte den Splatter-Fan mit seiner eher subtil-langsamen und betont unblutigen Interpretation des Drehbuchs. So wurde aus „Der letzte Exorzismus“ eine Mockumentary (=vorgetäuschte Dokumentation) im Stil von „The Blair Witch Project“ und „Cloverfield“.

Was die genannten Filme gemeinsam haben, ist der alleinige Einsatz von Handkameras zur Erzeugung einer möglichst perfekten Illusion von Wahrheit. Dabei ist diese Sache mit den Handkameras gar nicht so einfach: Ein bisschen verwackelt ist für eine gute Mockumentary unabdingbar. Schließlich soll es den Eindruck erwecken, dass Amateure die Kamera bedient haben, die sich zudem meist in sehr unerfreulichen und stressreichen Situationen befanden. Extrem verwackelt kann eine Mockumentary jedoch schnell ziemlich anstrengend und kopfschmerzfördernd werden (wie bei Cloverfield der Fall). Dieses Problem haben die Macher von „Der letzte Exorzismus“ ziemlich elegant umschifft: Indem sie das professionelle Kamerateam in die Story einbauen, schaffen sie eine augenverträgliche, für Mockumentaries eher „ruhige“ Kameraführung, ohne dabei ihre Authentizität einzubüßen. In einem Punkt jedoch muss man in dieser Hinsicht Abstriche machen: So wird hier nicht auf den Einsatz von Filmmusik verzichtet. Das könnte man im Hinblick auf das Genre des Mockumentary-Films durchaus als Stilbruch verstehen – trägt Hintergrundmusik doch nicht unbedingt dazu bei, dass sich der Zuschauer glaubwürdig in eine „echte“ und unverfälschte Dokumentation hineinversetzt fühlt.

Regisseur Daniel Stamm legt in seinem Film großen Wert auf die Entwicklung der einzelnen Charaktere: Mehr als andere Mockumentaries versucht er einerseits, den Schauspielern Raum zur Entfaltung der Rolle zu geben und andererseits, dem Zuschauer das Kennenlernen der einzelnen Figuren zu ermöglichen. Das ist durchaus ein interessanter Ansatz: Schließlich haben es viele Mockumentaries im Horror-Genre an sich, dass zu Beginn vielleicht 5 Minuten aus dem Leben der Protagonisten vorgestellt werden, die sie beim Zähneputzen oder Geschlechtsverkehr zeigen und nicht wirklich etwas über ihr Leben verraten. Wenn dann nach 5 Minuten die große Katastrophe eintritt und die Protagonisten auf der Leinwand um ihr Leben bangen, kann der Zuschauer nicht wirklich mit ihnen mitfühlen. Wieso denn auch? Er kennt sie ja nicht.

Auch wenn am Ende wahrscheinlich eh alle sterben, lohnt es sich also durchaus, den Figuren vorher trotzdem ein bisschen Leben einzuhauchen. Und genau das wird in „Der letzte Exorzismus“ fleißig versucht: In den ersten (gefühlten) 30 Minuten (von insgesamt 86) passiert nichts horrormäßiges. Hauptdarsteller Patrick Fabian wird jede Menge Zeit gegeben, seine Rolle des Predigers Cotton Marcus vorzustellen. Wirklich jede Menge Zeit! Ehrlich gesagt, ein bisschen viel Zeit. Denn irgendwie weiß man in der ersten Hälfte des Films nicht so richtig, wohin das ganze überhaupt gehen soll. Es drängt sich sogar kurzfristig das Gefühl auf, man schaut hier keinen Horrorfilm, sondern eher eine kritisch-pragmatische Auseinandersetzung mit völkischem Aberglauben (wie zum Beispiel in M. Night Shyamalans „The Village“). Auch weiß man nicht so recht, was man von der Hauptfigur, dem Prediger Cotton Marcus, halten soll: Erst noch als gottesfürchtiger Kirchenmensch mit heiler Familie dargestellt, präsentiert er sich fünf Minuten später plötzlich völlig abgebrüht und verlogen. Vielleicht liegt gerade in dieser Widersprüchlichkeit die Intelligenz der Inszenierung, aber es führt eben gerade nicht dazu, dass man das Gefühl hat, die Hauptfigur kennenzulernen.

Nach gut der Hälfte des Films wird es dann endlich doch ein bisschen paranormal und anständig gruselig: Da gibt es auch gar nicht mehr all zuviel zu meckern, das ist solider Horror, der natürlich in der ein oder anderen Szene an einschlägige Exorzismus-Horrorfilme anlehnt. Die Leistung der Schauspieler ist durchweg annehmbar, besonders sticht dabei Ashley Bell in der Rolle der 16-jährigen Nell hervor. Sie mimt das naive und kindliche Landmädchen so eindringlich und überzeugend, dass es einem dann doch kalt den Rücken hinunterläuft, wenn sie plötzlich in verkrampfter Haltung auf dem Kleiderschrank hockt.

Daniel Stamm ist mit seiner Mockumentary „Der letzte Exorzismus“ ein durchaus sehenswerter Horrorfilm gelungen. Einziger wirklicher Wermutstropfen sind die vielen vielversprechenden Fährten, die im Verlauf des Films gelegt werden und dann in einem sehr abrupten und enttäuschend einfallslosen Ende über den Haufen geworfen werden.

Meike Crone

Advertisements

1 Kommentar

  1. […] Eli Roth produzierte Horrorstreifen etwas taugt, dass erfahrt ihr ab sofort in der Kritik zum Film hier auf filmtogo. ‘Der letzte Exorzismus’ läuft seit dem 30. Septemer 2010 in den deutschen […]


Comments RSS TrackBack Identifier URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s