Fish Tank

2005 bekam die Regisseurin Andrea Arnold einen Academy Award in der Kategorie bester Kurzfilm für ihr Werk ‚Wespen‘, in dem sie von einer jungen Mutter erzählt, die ihre Kinder verleugnet, während in einem Müllcontainer abseits der Handlung, Wespen nach Nahrung suchen. Ganz so skurril geht es in ihrem neuen Film ‚Fish Tank‘, der bereits im September 2009 in Großbritanniens Kinos zu sehen war, nicht zu. Aber erneut hat sie einen von Kritikern viel gelobten Film erschaffen, wurde ‚Fish Tank‘ doch mit dem Preis der Jury der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2009 ausgezeichnet und lief im Wettbewerb um die Goldene Palme.

Der Film selbst handelt von der 15jährigen Mia Williams, die im britischen Essex lebt. Seit sie von der Schule geflogen ist, sucht sie Streit. Egal ob mit ihrer Mutter, mit der frechen Schwester oder den Mädels vom Block. Ein schiefer Blick genügt und ihr platzt der Kragen. Nur wenn sie für sich allein tanzt, ist sie für Augenblicke glücklich. Da steht an einem heißen Sommertag plötzlich ein halbnackter Mann in der Küche. Connor, der neue Freund der Mutter, fasziniert Mia. Connor nimmt ihre Nöte ernst, er bringt ein Gefühl von Familienglück ins Haus.

Und dieses familiäre Miteinander ist auch dringend nötig. Mias Mutter vertreibt sich ihre Zeit lieber damit sich im Alkohol zu ertränken und Partys zu feiern als sich um ihre Töchter zu kümmern. Die sind ihr eigentlich nur im Weg, werden von ihr herum geschubst. Daraus resultierend darf Darstellerin Katie Jarvis das unerzogene Draufgängermädchen mimen, die auf der Straße Kopfnüsse verteilt ohne nachzudenken, keine moralischen Bedenken beim Stehlen hat und ebenfalls bei jeder Gelegenheit zur Flasche greift.

Regisseurin Andrea Arnold hat eine beeindruckende Wahl getroffen, als sie Katie Jarvis diese Rolle anvertraute. Jarvis wurde auf einem Bahnsteig von der Filmemacherin entdeckt, während sie sich mit ihrem Freund streitete. Es ist ihre erste Rolle, die sie mit solcher Leichtigkeit, Intensität und Talent spielt, dass man den Kontrast zu dem weitaus länger im Filmgeschäft tätigen Michael Fassbender (‚300‘, ‚Inglourious Basterds‘) nicht zu spüren bekommt. Dieser wiederum schafft es mit seiner Darstellung des in die Familie eindringenden Connor die Atmosphäre des Filmes zu kippen. Er ist charmant, freundlich, das genaue Gegenteil von dem, was man zuvor im Umgang von Mia und ihrer Mutter zu sehen bekommen hat. Er wirkt schon fast wie ein Fremdkörper und versucht die Familie an seiner Weltansicht teil haben zu lassen, bringt sie aus ihrem Kleinstadtghetto auf große grüne Wiesen, die unter blauen Himmel nicht in das bisherige Bild des Filmes passen wollen.

Kein Wunder ist es also wenn die Figur der Mia sich schon bald angezogen fühlt von diesem Mann. Sie sucht seine Nähe, schenkt ihm Vertrauen. Sie erzählt ihm ihm ihre Träume, lernt Gefühle kennen die sie für ihre Mutter niemals haben wird und die irgendwann auch über die normale Elternliebe hinausgehen. Die Kamera sucht die Momente, in denen Mia und Connor nahen Körperkontakt haben, er sie auf seinen Armen ins Bett bringt oder er sie auf seinem Rücken über die grünen Wiesen trägt. Es baut sich eine sexuelle Spannung in den Bildern auf, deren Faszination man sich nicht entziehen kann. Es sind zwar ruhige, dennoch eindringliche Bilder die Kameramann Robbie Ryan dort einfängt. Sie geben die aufgewühlte Gefühlswelt der jungen Teenagerin wieder, sie zeigen ihre Begierde nach Freiheit, nach Connor, der ihr diese Freiheit schenkt, der sie aus ihrem bisherigen Leben befreien könnte.

Nicht weniger aufgewühlt fühlt man sich als Zuschauer, wenn Mia mehr und mehr über ihren Helden erfährt, wenn sie sein Leben kennenlernt, wenn sie merkt, dass auch der Saubermann seine Makel hat. Die hieraus entstehenden Verhaltensmuster Mias lassen schon an ihrem Verstand zweifeln, wenn sie zurückfällt in ihre unüberlegten, affektgesteuerten Kopfnuss-Aktionen, denen man zum Ende des Filmes nur noch mit großen Augen und offenem Mund begegnen kann.

‚Fish Tank‘ ist eine schockierende Charakterstudie über ein Teenagermädchen, dass versucht aus ihrem Leben, aus ihrem Fischglas in dem sie dahinvegetiert, auszubrechen. Es bieten sich ihr viele Möglichkeiten, sie muss nur die richtige finden, den einen Weg, der für sie funktioniert.

Denis Sasse

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1 Kommentar

  1. […] Ob er diese Auszeichnung – und die vielen anderen die der Film gewinnen konnte – verdient hat, dass erfahrt ihr ab sofort in der Filmkritik zu ‘Fish Tank’ hier auf filmtogo. […]


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