Im Oktober werden Wunder wahr

Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes ging der peruanische Film ‚Im Oktober werden Wunder wahr‘ in der Kategorie ‚Un Certain Regard‘ als Gewinner hervor. Es ist der erste Langspielfilm des Regie-Duos Diego und Daniel Vega. Irgendwo zwischen Drama und Komödie hat das Brüderpaar einen Film erschaffen, der während des bedeutendsten kulturellen und religiösen Anlasses Perus spielt, dem Fest zu Ehren des Gottes der Wunder.

Inmitten Perus Hauptstadt Lima lebt der verschlossene Pfandleiher Clemente. Jeden Tag kommen Leute aus dem Viertel zu ihm und bitten um Geld. Es sind nur kleine Beträge, die er sorgsam in sein Buch einträgt und für die er sich von seinen Kunden entsprechende Sicherheiten geben lässt. Als er eines Tages ein Baby in seiner Wohnung findet, gerät sein gut strukturiertes, geordnetes System vom Geben und Nehmen aus dem Gleichgewicht. Von den Bedürfnissen des Säuglings überfordert, bittet er seine Nachbarin Sofia um Hilfe. Während Clemente versucht, die Mutter des Kindes ausfindig zu machen, zieht Sofia bei ihm ein, um sich um das Baby zu kümmern. Sie betet jeden Tag zum Gott der Wunder und wartet auf ein Zeichen der Zuneigung von Clemente. Als sich auch Sofias Bekannter Don Fico und dessen Frau in Clementes Wohnung häuslich einrichten, muss er begreifen, dass man manchmal etwas bekommt, ohne es verdient zu haben. Mit Sofia, Don Fico, dessen Frau und dem unverhofften Nachwuchs lernt Clemente eine emotionale Nähe kennen, die er nie zuvor erlebt hat.

Dem Theaterschauspieler Bruno Odar gelingt es seine Figur dennoch nicht zum unsympathischen Eisblock verkommen zu lassen. Er zieht den Menschen das Geld aus der Tasche, er benutzt sie zu seinen Gunsten, er verhält sich abweisend ihnen gegenüber, will sich mit Geld die Welt erkaufen, so wie er es mit der körperlichen Liebe macht. Trotzdem spürt man sein Leiden, sein Unvermögen aus seinen Gewohnheiten auszubrechen, keine Emotionen zu entwickeln. Erst das Zusammentreffen mit den unterschiedlichsten Menschen, die sich in sein Heim einnisten, lässt ihn langsam auftauen. „Manchmal muss man Veränderungen zulassen“ heißt es an einer Stelle im Film. Diese Barriere zu überwinden, eine Veränderung in seinem Leben zu akzeptieren, fällt der Figur Clemente schwer. Aber im purpurnen Monat in Peru und der Prozession des ‚Señor de los Milagros‘, dem Gott der Wunder, werden manchmal eben Wunder wahr.

Ebenso wie der Geburtstag von Clemente im Film gefeiert wird, wirkt die Atmosphäre die von den Filmemachern Diego und Daniel Vega erzeugt wurde. Nur mit wenig Gefühlsregungen, eher verkrampft bestreitet der Pfandleiher sein tägliches Leben. Theaterdarsteller Bruno Odar mimt den emotional verkrüppelten Hauptprotagonisten, der ein ‚Happy Birthday‘ Ständchen gesungen bekommt, dass sich eher nach einem Trauermarsch anhört. Er spielt nicht nur einen Pfandleiher, sondern auch den Sohn eines Pfandleihers. Geld ist sein ganzes Leben, daran kann er nichts ändern, so wurde er erzogen. Seine oberste Regel heißt „Geld regiert die Welt“. Um so perplexer steht er im Leben, als er merkt, dass sich eben nicht alles mit Geld regeln lässt. Hier gelingt den Brüdern Vega die filmische Gratwanderung zwischen Dramatik und Komödie.

Es ist aber eine schwarze Komödie. Mit Motiven wie Einsamkeit, Verzweiflung und der Unfähigkeit sein Leben anders zu gestalten. Mit ruhigen Momenten schafft man eine stille Umgebung. Keine Spur von Hektik kommt auf. Das Fehlen von Musik sowie die statischen Kameraeinstellungen, übertragen eine Lethargie auf die Figuren, die maximal von dem Babygeschrei zu Beginn des Filmes gebrochen wird, sich sonst aber durch die 80 Minuten Laufzeit von ‚Octubre‘, so der weitaus simplere Originaltitel, zieht.

‚Im Oktober werden Wunder wahr‘ verbreitet eine angenehme Ruhe und Stille, die den Zuschauer merken lässt, dass den Filmemachern etwas an ihrer Geschichte gelegen hat. Mit wohl durchdachten Kameraperspektiven, dem Verzicht auf Hintergrundmusik und Hauptdarstellern, die allesamt vom Theater und aus dem Fernsehen, nicht aber vom Film kommen, schaffen Daniel und sein jüngerer Bruder Diego Vega eine interessante Charakterstudie und einen wertvollen Beitrag aus der peruanischen Filmszene.

Denis Sasse

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1 Kommentar

  1. […] Ob ab dem 14. Oktober auch in den deutschen Kinos ein Wunder wahr wird, dass erfahrt ihr ab sofort in der Kritik zum Film ‘Im Oktober werden Wunder wahr’ hier auf filmtogo. […]


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