‚Inception‘

Wenn der britische Regisseur Christopher Nolan, der 1998 mit dem 70minütigen ‚Following‘ seinen ersten Spielfilm inszenierte, dann darf sich der Zuschauer auf ein zumeist nicht sonderlich für Hollywood typisches Ergebnis freuen. In ‚Memento‘ versucht Guy Pearce in einer nicht linearen Erzählstruktur sein Gedächtnis zurück zu bekommen. In ‚The Prestige‘ hetzt Nolan zwei Magier aufeinander und schafft nicht nur innerfilmische Illusionen und in seinen zwei Ausflügen in das Comic-Genre (‚Batman Begins‘ und ‚The Dark Knight‘) erschuf er einen düsteren, realistischeren Batman als es ihn in der Filmwelt bisher gegeben hat. Mit seinem neuen Film ‚Inception‘ begibt sich der Regisseur jetzt in die Welt der Träume.

Dom Cobb ist ein begnadeter Dieb, der absolut beste auf dem Gebiet der Extraktion, einer kunstvollen und gefährlichen Form des Diebstahls. Er stiehlt wertvolle Geheimnisse aus den Tiefen des Unterbewusstseins, wenn der Verstand am verwundbarsten ist – während der Traumphase. Dank seiner Begabung ist Cobb in der heimtückischen Welt der Industriespionage heiß begehrt. Doch diese Existenz hat auch seine Schattenseiten. Er wird auf der ganzen Welt gesucht und hat alles verloren, was er liebte. Eines Tages bietet sich ihm aber die Chance zur Rettung. Ein letzter Auftrag könnte ihm zu seinem alten Leben zurück verhelfen, aber nur, wenn ihm das absolut Unmögliche gelingt. Er soll eine Inception durchführen. Statt eines perfekt ausgeführten Diebstahls müssen Cobb und sein Team das genaue Gegenteil vollführen. Ihr Auftrag lautet nicht, eine Idee zu stehlen, sondern sie einzupflanzen.

Im Vorfeld gerne mit ‚Matrix‘ verglichen, schafft Christopher Nolan eine weitaus interessantere Variante einer nicht realen Welt. Driften die Wachowskis mit ihrer Matrix-Trilogie Schneider in äußerst irreale Welten ab, bleibt ‚Inception‘ in seiner eigenen Realität durchaus nachvollziehbar. Nur wenig Sci-Fi, nur wenig Fantasy. Die Figuren in ‚Inception‘ werden im Traum nicht auf einmal zu Supermännern, haben keine besonderen Kräfte. Die Regeln der Physik werden nur für die Zuschauer zur Veranschaulichung der Traumwelt außer Kraft gesetzt, nicht aber bis zum Erbrechen ausgereizt. So fühlt sich manch ein Kinogänger durch die im Trailer vorab gezeigten imposanten Bilder vielleicht enttäuscht, aber Nolan legt trotz aller Möglichkeiten die ihm die Szenerie geboten hätte das Hauptaugenmerk auf das Erzählen der Geschichte. Damit hat der Regisseur einen anspruchsvollen Blockbuster geschaffen, den man am ehesten in eine Schublade mit dem Label ‚invertierter Heist Film auf Traumebene‘ ablegen kann.

Diesmal übernimmt zwar Leonardo DiCaprio die Hauptrolle in einem Nolan-Film, aber trotzdem darf ‚Team Nolan‘ nicht fehlen. So holte er sich zur Unterstützung seines Hauptakteurs alte Bekannte hinzu. Mit Ken Watanabe drehte er bereits in ‚Batman Begins‘, Cillian Murphy kennt er ebenfalls aus beiden Batman-Verfilmungen und Michael Caine engagierte Nolan sowie für seine Batman Filme als auch für ‚The Prestige‘. Aber auch die neuen Gesichter im Nolan-Universum können überzeugen. Eine Marion Cottilard, die mit ihren Blicken mal übermäßig verrückt wirkt, ein anderes Mal schwach und leidend, dann aber wieder zur angsterregendsten Figur des Filmes wird. Ob nun Zufall oder nicht, im Abspann zu ‚Inception‘ läuft dann der Song ‚Non, Je Ne Regrette Rien‘ von Édith Piaf, die in dem 2007er Film ‚La Vie En Rose‘ von Marion Cottilard dargestellt wurde. Vielleicht ist dies auch die Anerkennung die man ihr entgegenbringt, vielleicht gehört sie damit jetzt zum ‚Team Nolan‘.

Dann wären da noch die Jungdarsteller. Ellen Page mit ihrer wohl ersten Rolle in der sie kein übermäßig rotzfreches Teenagermädchen spielen darf und Joseph Gordon-Levitt mit der wohl interessantesten Actionsequenz des Filmes empfehlen sich in ‚Inception‘ für zukünftige Großproduktionen aus der Traumfabrik.

Dennoch ist ‚Inception‘ eher ein Film für detailverliebte Filmfanatiker. Spätestens wenn man sich im Traum vom Traum vom Traum befindet, auf einer dritten Traumebene also, wird klar, dass man von den 148 Minuten Laufzeit besser keine Sekunde von der Leinwand wegschaut, keinen Gedanken daran verliert die Toilette aufzusuchen und auch den Nachschub an Popcorn besser auf nach dem Film verschiebt. Chris Nolan verlangt vollste Konzentration. Die könnte er selbst dabei bei der Inszenierung von Actionsequenzen an den Tag legen. Bereits bei ‚Batman Begins‘ hatte man Probleme mit der wirren, verwackelten Kamera, die beim filmen von Prügelszenen gerne von dem Regisseur verwendet wird. Zwar hat sich die Kamera mit ‚The Dark Knight‘ bereits deutlich verbessert, aber in ‚Inception‘ merkt man wieder, dass hektische, schnelle Szenen auch durch wenig nachvollziehbare Bildfolgen dargestellt werden sollen.

Mit ‚Inception‘ schafft es Christopher Nolan trotzdem zu überzeugen. Die Überlänge ist kaum spürbar, die Darsteller hatten sichtlich Spaß und Leonardo DiCaprio empfiehlt sich nach ‚Shutter Island‘ einmal mehr als ernstzunehmender Darsteller und hat sich schon lange von dem Typus ‚Milchbubi‘ à la ‚Titanic‘ losgesagt. Ein Blockbuster der endlich einmal wieder Spaß macht – und das ganz ohne 3D Effekthascherei.

Denis Sasse

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1 Kommentar

  1. […] Seit dem 29.Juli ist der neueste Film von Regisseur Christopher Nolan in den Kinos. Zuletzt wusste der Brite mit den Comicverfilmungen ‘Batman Begins’ und ‘The Dark Knight’ zu überzeugen, jetzt begibt er sich gemeinsam mit einem starken Ensemble in die Tiefen des Bewusstseins, in Traumwelten. Nach ‘The Prestige’ und den Batman Verfilmungen ist es diesmal nicht Christian Bale der in einem Nolan-Film die Hauptrolle übernimmt, sondern Leonardo DiCaprio (‘Shutter Island’). Wie dieser sich in einem Nolan Abenteuer schlägt, erfahrt ihr ab sofort in der Kritik zum Film hier auf filmtogo. […]


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