‚Kleine Wunder in Athen‘

Ein Amerikaner und eine Deutsche wollen spontan ihren Polterabend in einer Berliner Szenebar feiern. Als Gäste sind ein brasilianischer Schauspielschüler, zwei russische Straßenmusikanten, eine Portugiesin, zwei japanische Teenager, ein Ossi, ein marokkanischer Bauarbeiter, eine mit einem Deutschen verheiratete Koreanerin und eine ganze Reihe von Türken zufällig mit dabei. Mit ‚My Sweet Home‘ inszenierte der griechische Regisseur Filippos Tsitos 2001 seinen ersten Spielfilm. Hat er sich hier noch einer Vielzahl von unterschiedlichsten Kulturen gewidmet, belässt er es bei seinem Folgefilm ‚Kleine Wunder in Athen‘ bei der Lebensweise und Problemen einer Kultur – seiner eigenen.

Stavros ist ein waschechter Grieche. Er betreibt einen kleinen Laden in einer mehr als ruhigen Straße von Athen. Eigentlich besteht seine Tätigkeit aber daraus, morgens einen Tisch mit vier Stühlen vor den Laden zu stellen, um zusammen mit seinen drei Freunden dem Tag beim Verstreichen zuzusehen. Mit gespieltem Interesse nehmen sie das emsige Treiben der Chinesen zur Kenntnis, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen kleinen Laden umbauen oder empören sich, weshalb ausgerechnet in ihrer kleinen Straße ein Denkmal für die Interkulturelle Solidarität gebaut werden soll. Als dann aber eines Tages ein albanischer Mann namens Marenglen auftaucht und Stavros‘ betagte und demente Mutter in ihm ihren lang verlorenen Sohn wiederzuerkennen glaubt, gerät Stavros Leben aus dem Gleichgewicht.

Auch wenn der Film in den ersten zehn Minuten seine Figuren als tragische Figuren einführt und die Thematik eher einem Drama zu entsprechend scheint, bekommt Regisseur Tsitos nach der Einführung die Wende zu komödiantischen Inhalten und schafft so die Gratwanderung zweier Genre. Das ist nicht zuletzt den vier Hauptprotagonisten zu verdanken, die im Rahmen der Filmhandlung als typische Griechen das Tagesgeschehen vor ihren Läden verfolgen. Dabei werden sie viel weniger als vernunftbegabte, erwachsene Männer dargestellt, sondern vielmehr als unaufgeklärte Kinder. Stavros selbst befindet sich noch unter den Fittichen seiner Mutter, sein Kumpel kann nichts mit dem Wort Solidarität anfangen und ein dritter glaubt durch das bellen eines Hundes – der auf den Namen Patriot hört – zu erkennen wann ein Albaner seinen Weg kreuzt.

Dabei ist es gar nicht vordergründig der Zwist zwischen Griechen und Albanern, sondern die Angst vor Veränderungen, die Angst die eigene Kultur aufgeben zu müssen. So konzentrieren sich die vier Griechen so sehr auf ihren kleinen Krieg mit den Albanern, dass sie erst weitaus später merken, das die Chinesen ihr kleines Viertel übernehmen – angefangen mit der Einrichtung eines italienischen Modeladens. Fremde Kulturen samt Denkmal für die Interkulturelle Solidarität drohen die kleine Straße in Athen zu verändern.

Dann wäre da noch Marenglen, der Mann – sein Name ist eine Zusammensetzung aus Marx, Engels und Lenin – der das Leben von Stavros durcheinander bringt. Der Albaner der in Stavros‘ kleine Welt eindringt und sein Weltbild verändert. Auf einmal spricht die eigene Mutter albanisch und seine Identität bedroht. Seine Existenz als Grieche wird in Frage gestellt, von Stavros selbst und von seinem Umfeld, jeder geht unterschiedlich mit dieser Veränderung um. Aber wenn Stavros am Ende endlich seine sich über die Filmhandlung erstreckende Schlafstörung bezwingen kann, wird klar das er sich mit dem anfangs unmöglichen Gedanken angefreundet hat.

‚Kleine Wunder in Athen‘ ist eine langsam erzählte, dennoch aber nette Tragikomödie, die sich mit dem Thema des Verlusts beschäftigt. Sei es der Verlust einer Frau, einer Identität, einer Kultur oder einer Weltanschauung, der Verlust des Vertrauten. Filippos Tsitos nimmt sich 102 Minuten um seinen Hauptdarsteller Antonis Kafetzopoulos durch all diese Verlustgefühle zu schicken ohne dabei aber den Humor aus den Augen zu verlieren, womit ihm ein locker leichter Film gelungen ist, der dennoch zum Nachdenken anregt.

Denis Sasse

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2 Kommentare

  1. […] noch einmal der Hinweis, dass ihr das Interview genau hier findet. Außerdem ist ab sofort auch hier auf filmtogo die Kritik zu dem Film […]

  2. […] noch einmal der Hinweis, dass ihr das Interview genau hier findet. Außerdem ist ab sofort auch hier auf filmtogo die Kritik zu dem Film […]


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