The Orphan – Das Waisenkind

The Orphan PosterWenn man den Regisseur Jaume Collet-Serra mit einem Horrorfilm in Verbindung bringt, dann tut man sich selbst keinen Gefallen damit, hat er doch den 2005er Film „House of Wax“ zu verantworten. Bei diesem Misserfolg – immerhin mehrere Nominierungen für die Goldene Himbeere – war es kein Wunder das er danach erst einmal das Genre wechselte und sich mit „Goal 2 – Der Traum ist real“ etwas ganz anderem widmete. Mit seiner dritten Regiearbeit kehrt er aber zurück zu seinen Anfängen und erzählt die Geschichte eines Waisenmädchens, das in eine kleine Familie integriert werden soll.

Anfänglich klingt das erst einmal alles andere als kompliziert. Nach einer Fehlgeburt entschließen sich Kate und ihr Mann John ein Kind zu adoptieren und suchen ein Waisenhaus auf, wo Schwester Abigail glücklich darüber ist, dass das Ehepaar ausgerechnet auf die eher zurückgezogen lebende und schüchterne, aber freundliche und zuvorkommende Esther aufmerksam werden. Sie nehmen sie mit zu sich nach Hause und stellen ihr die Familie vor: die kleine neue Schwester Max – taubstumm – und den größeren neuen Bruder Daniel, der Esther bereits von Anfang an nicht leiden kann, da diese ab sofort im Mittelpunkt des Geschehens steht. Aber das soll nicht das größte Problem bleiben. Immer mehr baut die kleine Esther eine Beziehung zu John Coleman auf, zieht die taubstumme Max auf ihre Seite und beginnt Mutter Kate und den Bruder zu isolieren. Die Kinder aus der Schule, die Esther – die auch von sich selbst behauptet anders zu sein – hänseln, müssen sich bald damit abfinden von Klettergerüsten geschubst zu werden. Mit der Rückendeckung von Max kann Esther ihre Taten aber geschickt verbergen. Sie treibt das Spiel immer weiter, säht immer mehr Unmut innerhalb der Familie, droht ihren Geschwistern, treibt Kate in den Wahnsinn und umgarnt John um diesen auf ihrer Seite zu wissen.

Orphan 1In einer Flut von Horrorfilmen die sich mit dem Übernatürlichen beschäftigen ist „The Orphan“ ein kleiner Lichtblick, in dem es keine sich von dunklen Mächten schließende Türen gibt, in denen keine Menschen herumschweben, in der Luft hängen oder von Dämonen besessen sind. Hier besinnt man sich auf den Gruseleffekt, den auch ein möglich-reales Szenario haben kann. Hinzu gesellt sich natürlich die Tatsache, das kleine Kinder seit jeher als Horrorfilmfiguren herhalten müssen. Die kleinen Unschuldslämmer eigneten sich bereits mehr als einmal als böse Drahtzieher hinter den abgrundtief bösesten Taten der Filmgeschichte – Esther bildet da keine wirkliche Ausnahme.

Im Verlauf des Filmes schafft sie es die Familie Coleman immer mehr auseinander zu reißen. Skrupellos erschlägt sie schon bald eine Taube mit einem Stein und bald steht auch Menschenmord auf ihrer Liste, Unterdrückung, Drohung, Lügengeschichten und eine merkwürdige Affinität zum Malen von wunderschönen Bildern, die hinter der Fassade dann aber doch ein wenig verstörend wirken.

Orphan 2Mit „The Orphan“ hat Collet-Serra einen Film geschaffen, der nur in den letzten Minuten mit typischer Horrorfilm-Hau-Drauf-Taktik arbeitet. Die ersten 90 Minuten erleben wir einen ruhigen Film, fast schon eine Charakterstudie einer Familie, die eine Fehlgeburt eines Kindes verarbeiten muss, sowie ein Waisenkind, das durch seinen langen Aufenthalt fern von familiären Verhältnissen nicht so ganz mit der Welt klarzukommen scheint. Eine Dreiviertelstunde bekommt man erst einmal gar nicht so viel mit von der bösen Esther, vielmehr wird hier das Grundszenario langsam aber spannend aufgebaut. Erst nach weiteren 45 Minuten steht die erste ernstzunehmende Konfrontation zwischen Mutter Kate und Adoptivtochter Esther auf dem Programm. Bis hierhin ist der Film eine gute Leistung, fesselt, ist spannend und regt dazu an darüber nachzudenken, was denn nun eigentlich mit der kleinen Esther los ist? Ab hier geht es aber bergab. Nicht das der Film komplett an Spannung oder Erzählstärke verliert, aber er reiht sich ein in die lange Liste von 08/15 Horrorfilmen. Auf einmal muss alles ganz schnell gehen, der langsame Ton den man bis hierhin noch geschätzt hat, verfliegt binnen weniger Minuten und wir finden uns in einem ganz herkömmlichen Film dieser Gattung wieder.

Mit dem Darstellertrio das sich hier in den Vordergrund spielt hat man sich auf eher unbekannte Gesichter beschränkt. Vielleicht kennt man einen Peter Saarsgard aus „Jarhead“ oder „Elegy“, Vera Farmiga – „Der Junge im gestreiften Pyjama“ – übernimmt den Part der Kate Coleman und Newcomerin Isabelle Fuhrman – Jahrgang 1997 – brilliert als manipulierende Esther mit einem zuckersüßen russischen Akzent. Und alle drei können über die kompletten 122 Minuten die der Film lang ist ihren Charakteren eine Authentizität einhauchen, die es selten in einem Horrorfilm der letzten Zeit gegeben hat. Natürlich sei noch einmal darauf verwiesen, das dieses Genre in letzter Zeit auch nicht den Anspruch an Authentizität hatte.

Orphan 3„The Orphan“ ist – trotz aller Ruhe mit der erzählt wird – ein Film bei dem man öfters an die nervlichen Grenzen getrieben wird. Dabei zeigt er keine übermäßigen Blutfontänen oder möglichst kreative Tode, sondern einfach eine realistisch gehaltene Handlung, die in diesem Fall mehr bewirkt als jeder Monster/Dämonen/Geister/Spukfilm. Mit einem doch überraschenden Ende, bei dem für so manches Rätsel das im Handlungsverlauf nur kurz angesprochen wird, eine stimmige Lösung präsentiert wird, mit Produzenten wie u.a. Joel Silver (zuletzt Produzent von „Rock ’n’ Rolla“) und Leonardo DiCaprio (produzierte zuletzt die Ökodoku „The 11th Hour“) und mit einer großartigen 12jährigen Isabelle Fuhrman konnte Regisseur Jaume Collet-Serra seinen Ausrutscher mit „House of Wax“ wieder gut machen.

Denis Sasse
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