Wickie und die starken Männer

Insgesamt 78 Abenteuer durfte der kleine Wickie zwischen 1972 und 1974 erleben. In einer deutsch/österreichisch/japanischen Co-Produktion entstanden die Geschichten um den kleinen Wikingerjungen nach einer Vorlage der schwedischen Kinderbuchreihe „Vicke Viking“ von Runer Jonson, der hierfür 1965 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde. Die Zeit der Wikinger schien vorbei zu sein, aber jetzt kommen sie direkt auf die große Leinwand. Der deutsche Schauspieler und inzwischen auch Regisseur Michael Herbig, der seinen Beinamen Bully wohl niemals wieder loswerden wird, inszenierte das Realfilm Kinoabenteuer mit Jonas Hämmerle in der Hauptrolle.

Wickie und die starken Männer - Jonas HämmerleDabei hat der Film nichts vom ursprünglichen Charme der Zeichentrickserie einbüßen müssen. Auch diesmal verschlägt es uns in das kleine Wikingerdorf Flake, wo eine Horde von wilden, brutalen, ungepflegten Rabauken haust – die Wikinger um den Dorfhäuptling Halvar und seiner Frau Ylva. Die beiden haben einen kleinen Sohn, der in Halvars Augen nie ein richtiger Mann werden wird. Denn der kleine Wickie ist ängstlich und nicht besonders stark, geht Konfrontationen aus dem Weg und läuft lieber davon. Dafür beweist er aber immer wieder das er ein Hirn hat und es auch einsetzt. Seine Intelligenz ist es, mit der er dann auch immer wieder in der Lage ist Probleme zu lösen. Hirn statt Muskeln steigert aber nicht unbedingt sein Ansehen bei den anderen Kindern des Dorfes, die sich lieber gegenseitig die Schädel einschlagen. Nur die kleine Ylvi ist geradezu verzückt von Wickie und himmelt ihn an. Als dann Flake überraschend angegriffen, die Wikinger überrannt und alle Kinder des Dorfes entführt werden – durch einen Zufall bleibt nur Wickie verschont – machen sich die Männer des Dorfes, samt Wickie als blinden Passagier, auf zu einer Rettungsaktion.

„Fluch der Karibik“ in klein ist das erste was man über den Film sagen könnte. Was durchaus positiv gemeint ist. Fangen wir bei den Schauplätzen an. Michael Herbig hat wunderschöne Landschaftsbilder eingefangen, die absolut zur Wikingerstimmung des Films beitragen. Gedreht wurde nicht nur in den Bavaria Filmstudios, sondern für Aussendrehs ist man auf Malta und Gozo – die Nachbarinsel von Malta, sowie am Walchensee – etwa 75km südlich von München in den bayrischen Alpen – gewesen. Kein Griff ins Klo, ganz im Gegenteil, hier hat Herbig seine Locations gut ausgesucht. Vor allem die Kamerafahrten über die See, wenn das Wikingerschiff unterwegs ist, wissen zu beeindrucken. Der Film hätte noch viel mehr dieser Landschaftsaufnahmen einbringen können, sie hätte wahrlich nicht gestört.

Wickie und die starken Männer - Jürgen VogelBei den Schauspielern hingegen wäre wahrscheinlich weniger mehr gewesen. Immer wieder huscht das ein oder andere bekannte Gesicht durchs Bild. Seien es Gastauftritte von Herbert Feuerstein und Nora Tschirner oder dem Regisseur selbst. Irgendwie passt das nicht in die Wikingerwelt. Vor allem Herbig hätte sich zurücknehmen müssen. Das Drehbuch ist gut, die Geschichte entwickelt sich zu einem Abenteuer mit allen Komponenten die nötig sind. Es gibt mysteriöse Nebel, böse Schurken, ein geheimnisvolles Wikingerhorn und auch ein Geisterschiff. Aber Bully ist eben Bully. Natürlich darf er dem Film eine cartoonlastige Atmosphäre geben – das erlaubt allein die Vorlage. Aber hier und da hätte er sich seine Slapstick Stand-Up-Comedian Witze sparen können. Und auch Anspielungen auf „Germanys Next Topmodel“, die Formel 1 oder Kaufhaus Ansagen passen nicht so recht in die Wickie-Welt.

Die Erzählerrolle die Herbig einnimmt ist eigentlich nur dadurch zu rechtfertigen, dass auch die Zeichentrickserie einen Erzähler hatte, ansonsten hätte er sich besser komplett von der Leinwand fernhalten und im Regiestuhl sitzen bleiben sollen, denn auch hier passt die Rolle des spanischen Geschichtenschreibers nicht ins Bild. Ein ganz anderes Phänomen ist da der Wickie Darsteller Jonas Hämmerle. Man könnte ihn ab jetzt auch einfach nur noch Wickie nennen, denn er ist Wickie. Während man bei Mercedes Jadea Diaz, die Ylvi spielt, sowie den anderen Kindern das übliche Kinderproblem hat, dass man ihnen ihre Rollen nicht abkaufen möchte und – vor allem bei der kleinen Diaz – es so scheint als ob einfach nur ein Niedlichkeitseffekt erzeugt werden möchte, kann Hämmerle den Film tragen, keine Zweifel das er die richtige Wahl als Hauptdarsteller war. In diesem Fall ein Glücksgriff das man dem 1998 geborenen Jungschauspieler diese Verantwortung überlassen hat. Wenig begeistert ist man von Dschungelcamp Kandidat Günther Kaufmann, dessen Plan, durch die Teilnahme an dieser C-Promi Doku-Soap seine Schauspielkarriere wieder auf Trab zu bringen, aber scheinbar aufgegangen ist. Dafür darf man sich auf einen stotternden Jürgen Vogel und auf einen Wikinger-Stromberg, von Christoph Maria Herbst selbst gespielt, freuen.

Wickie und die starken Männer - Michael HerbigAber die Frage die neben den Schauplätzen, Darstellern und der Geschichte wohl am meisten interessiert: Wie ist die Umsetzung gelungen? Man hat hier eine – eigentlich japanische Anime Serie die im japanischen Zeichentrickstudio Zuiyo Enterprise entstanden ist – den Händen eines Michael Bully Herbig anvertraut, der durch seine bereits veröffentlichten Filme wie „Der Schuh des Manitu“ oder „(T)Raumschiff Surprise“ eher Humor unter der Gürtellinie bewiesen hat. Wickie und die wilden Kerle sollte aber ein Kinderfilm werden oder ein Film der die damalige Jugend, die Wickie mit Spannung vorm Fernseher verfolgt hat, in ihre Kindheit zurückversetzen sollte. Und das hat mehr als funktioniert. Die Charaktere wurden von vorne bis hinten aus der Zeichentrickserie übernommen, visuell auf diese abgestimmt und stereotypisch wie sie nun mal waren auch gespielt. Wickies Einfälle werden vom vorhergehenden Nasereiben begleitet und sogar die – für japanische Animes dieser Zeit wahrscheinlich typisch – vielen bunten Streifen und Sternchen die in der Serie bei einer Idee von Wickie im Hintergrund auftauchten wurden in den Film eingearbeitet. Wickie aus dem Jahre 2009 hat nichts von dem Spaß verloren den man seinerzeit mit Wicke aus dem Jahr 1972 hatte.

Denis Sasse
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1 Kommentar

  1. […] gab es vor einem Jahr im Kino? Michael ‘Bully’ Herbigs Zeichentrickverfilmung ‘Wickie und die starken Männer’, ‘Antichrist’ von Lars von Trier hat die Massen geschockt, ‘District 9′ hat […]


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