Wo die wilden Kerle wohnen

Gerade einmal 48 Seiten zählt das Kinderbuch „Where The Wild Things Are“, dass der amerikanische Illustrator Maurice Sendak 1963 herausbrachte. Text wurde seinem Buch nur sehr sparsam verwendet, vielmehr wird die Handlung rund um den Jungen Max und den wilden Kerlen mit farbigen Federzeichnungen erzählt. 1964 wurde Sendak für sein Werk sogar mit der „Caldecott Medal“ ausgezeichnet, die höchste Ehrung für Kinderbücher im englischsprachigen Raum. In enger Zusammenarbeit mit Regisseur Spike Jonze, bisher wohl am ehesten durch seine Arbeiten an Filmen wie „Adamption“ mit Nicolas Cage (2002) oder „Being John Malkovich“ im Jahre 1999 bekannt, wurde die im deutschen als „Wo die wilden Kerle wohnen“ betitelte Geschichte auf die Kinoleinwand gebracht.

Die Idee das Bilderbuch zu einem Film zu machen, gab es bereits in den frühen 80er Jahren. Damals stand noch der Disney Konzern hinter dem Projekt, der aus der Geschichte einen ihrer typischen animierten Zeichentrickfilme machen wollte. Aber weiter als zu den Vorstellungen einer möglichen Verfilmung ist man hier nie gekomme. Die Rechte gingen 2001 an die Universal Studios, die sofort ein Vorhaben starteten, wonach auch hier „Wo die wilden Kerle wohnen“ als Animationsfilm in die Kinos kommen sollte. Aber 2003 kam Regisseur Spike Jonze ins Spiel und überarbeitete die Animationsversion um einen echten Spielfilm zu erschaffen.

Dabei war wohl das größte Problem die Länge, beziehungsweise die Kürze der Vorlage. Aber der Regisseur hat es geschafft die Geschehnisse auf 101 Minute zu strecken und dabei keine langweiligen Momente aufkommen zu lassen. Er erzählt von dem kleinen Draufgänger und doch sehr sensiblen Max, der sich von seiner Mutter missverstanden fühlt und über das Meer zu den wilden Kerlen flieht. Diese wünschen sich nichts mehr als einen Anführer, der ihnen sagt was sie zu tun haben. Max nimmt diese Rolle gerne ein um über sein ganz eigenes Königreich herrschen zu dürfen. Er verspricht das in seinem Land alle glücklich sein werden, muss aber schon bald feststellen, dass es gar nicht so einfach ist jeden seiner Freunde, den Bewohnern der Insel, zufrieden zu stellen.

Dabei muss vor allem in der Originalversion – von allem anderen sollte man auch die Finger lassen – auf die hervorragenden Voice Actor hingewiesen werden, die den Kreaturen auf der Insel nicht nur ihre Stimme leihen, sondern ihnen auch wirkliche Charaktertiefe einverleiben. James Gandolfini (wohl am ehesten als Tony Soprano in „The Sopranos“ bekannt) als Carol, der wohl als besonnenster und charismatischster Charakter angesehen werden kann. Dann hören wir noch Forest Whitaker(„8 Blickwinkel“) und Catherine O’Hara(„Away We Go“) als das Pärchen Ira und Judith. Der eine eher ruhig und zuvorkommend, die andere durchaus aggresiv. Paul Dano aus „Little Miss Sunshine“ spricht Alexander, eine wilde Kreatur, die einer Ziege ähnelt und eigentlich immerzu ignoriert oder schlecht behandelt wird. Dann wären da noch Chris „Syriana“ Cooper als Friendensstifter Douglas, Michael „Star Trek“ Berry Jr. als kaum gesprächiger Bernard und Lauren „In & Out“ Ambrose als K.W., die Einzelgängerin der Gruppe. Allesamt liefern eine überzeugende Arbeit ab und brauchen sich trotz Leinwandabstinenz nicht hinter den auftauchenden Schauspielern aus Fleisch und Blut – Max Records (Max), Catherine Keener (Max’s Mom) und Mark Ruffalo (Max’s Mom’s Freund) verstecken.

Man sollte aber auf keinen Fall den Fehler begehen, „Wo die wilden Kerle wohnen“ als Kinderfilm zu verstehen, nur weil es auf einem Kinderbuch basiert. Regisseur Spike Jonze hat hier einen eher düsteren, nicht traurigen, aber nachdenklichen Film geschaffen, der einen Jungen zeigt der sich Zuhause missverstanden fühlt und erst in einer Welt in der er selbst über eine Horde von wilden Kerlen die Verantwortung trägt, erkennt das diese Verantwortung gar nicht so einfach zu bewältigen ist. Der trügerische Spaß den der kleine Max anfangs noch in seiner neuen Welt erlebt schlägt schnell um in Ärger, Eifersucht und Enttäuschung. Max sieht sich aus seiner Traumwelt in die reale Welt zurückgerissen, muss mit den Problemen umgehen und sieht ein dass das Leben nicht so einfach ist, wie er sich das eigentlich gedacht hatte.

Untermalt wird das Schauspiel von wunderschöner Musik, vor allem auch passender Musik von der Exfreundin des Regisseurs und Sängerin der Band „Yeah Yeah Yeahs“ Karen O., die gemeinsam mit einem Kinderchor die Songs des Soundtracks eingesungen hat.

„Wo die wilden Kerle wohnen“ ist eine von Jonze zelebrierte Party, in der er seine erstaunend echt wirkende Kreaturen brüllen und zerstören lässt, gleichzeitig aber auch klar macht, das hier eine Geschichte über das Aufwachsen erzählt wird, über das Sammeln von Eindrücken denen Kinder bisher noch nicht ausgeliefert waren. Dabei vermittelt er den jungen Zuschauern ein wirkliches Weltbild und zeigt die Welt nicht durch eine regenbogenfarbige Heile-Welt-Brille. Er nimmt seine kleinen Zuschauer durchaus ernst und möchte ihnen keine vorgegaukelte Welt, sondern die Realität zeigen. Gleichzeitig zeigt er aber auch den erwachsenen Zuschauern eine Welt der Kinder, die eben nicht als niedliche kleine Wonneproppen daherkommen, sondern einen rohen, geradezu aggressiven Spieltrieb an den Tag legen. Auch hier entfernt sich Jonze nicht unbedingt weit von der Realität. Und mit dieser Umsetzung des Kinderbuches darf der Zuschauer durchaus zufrieden sein. Nach sehenswerten Filmen wie „Being John Malkovich“ oder „Adaption“ hat Spike Jonze hier einen dritten gut erzählten Film zu seiner Regisseurslaufbahn hinzugefügt.

Denis Sasse

1 Kommentar

  1. Sehr schöne Rezi, wir haben auch mal eine gewagt:

    http://wp.me/pB5HC-fX


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